Schreiben gegen gedankliche Rückkopplungsschleifen

Erstveröffentlichung: 04.07.2016, medium.

Manche Gedanken enden nicht. Man versucht sie zu beenden. Irgendwie findet sich kein Schluss und plötzlich erscheint ein anderer Gedanke.

Das können berufliche Gedanken zu noch nicht gelösten Problemen sein. Aber ebenso oft kreisen die Gedanken um private Angelegenheiten.

Oft sind es Gedanken zu Problemen, die gar nicht schwerwiegend sind. Erst durch die Wiederholung des Denkens – die Rückkopplungsschleifen – fühlt es sich wichtig an. Und nach einem Problem. Mindestens aber sind diese Gedanken nicht produktiv.

Die Meditationslehren fokussieren sich genau darauf. Man soll keine Gedanken fokussieren, sondern nur auf körperliche Phänomene achten. Zum zehnten Mal kommt dieser eine Gedanke in den Kopf? Nimm ihm zur Kenntnis und gehe dann mit deiner Aufmerksamkeit wieder zu deinem Atem.

Seit vielen Jahren meditiere ich unregelmäßig. Den wirklichen Durchbruch hatte ich damit noch nicht aber tatsächlich schaffe ich es so ein wenig aus dem Gedankenkarussel zu kommen. Allerdings: Meditation löst die Gedanken nicht.

Ich habe mit zwei Wegen herumexperimentiert, um damit umzugehen:

1) Man beschließt den Gedanken voller Willenskraft im Kopf zu lösen. Cal Newport beschreibt in seinem Buch “Deep Work”, wie er das über längere Zeit trainiert hat und jetzt lange Spaziergänge dafür nutzt. Am besten versucht man das einmal selber. Es ist ungeheuer schwierig richtig nach- und dadurch weiterzudenken.

2) Zu digitalem Papier bringen

Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Analytisch und emergent.

Analytisch: Mit Zettel und Stift und das Problem/den Gedanken strukturiert abarbeiten:

  • Den Gedanken aufschreiben
  • Lösungsalternativen (als Szenarien) beschreiben und bewerten
  • Entscheiden
  • Danach handeln. Mindestens den einen nächsten Schritt gehen. Dann hören die Rückkopplungsschleifen oft auf.

Oft sind die Szenarien nicht besonders kreativ und eher naheliegend.

Deswegen versuche ich, wenn immer möglich, den zweiten Weg zu gehen, bei dem ich fast auf ganz neue Ideen und Lösungsansätze komme, die zu deutlich besseren Ergebnissen führen:

Emergent: Aus dem Bauch heraus schreiben

  • zenpen.io öffnen und sofort losschreiben.

Worüber? Das weiß ich vorher nie. Ich beginne ganz banal einfach Wörter auf das weiße Blatt zu schreiben. Das kann z.B. so aussehen:

“So jetzt versuche ich einfach Gedanken unstrukturiert auf das Papier zu bringen. Ich weiß nicht, ob das etwas bringt, aber ich tue es trotzdem. Der Grund warum ich das tue, ist das Problem mit unserem Vermieter. Er lässt uns auf den Kosten für einen Wasserschaden sitzen, für den er aber verantwortlich ist. Ich weiß nicht, was genau ich machen soll. Vielleicht könnte ich einen Rechtsanwalt anrufen. Vielleicht auch…”

Das Beispiel zeigt, dass man sich langsam dem Thema und der Problembeschreibung nähert während man schreibt. Auch wenn es  sich komisch anfühlt: Wenn man auch aufschreibt, wie man sich in einer Situation gefühlt hat oder sich gerade fühlt, führt das zu besseren Ergebnissen.

Der eigentliche “Trick” hinter dem unstrukturierten Schreiben ist, dass man das, was man sonst ebenso unstrukturiert in einem Teufelskreis denkt, linear aufschreibt. Wort für Wort. Satz für Satz. Wie von selbst kommt man aus Rückkopplungsschleifen heraus. Dadurch eröffnet man sich einen neuen und öffnenden Horizont an Ideen.

Ich selbst nutze das Schreiben oft sogar so, dass ich solange schreibe, bis ich das analytische Vorgehen aus 2 unbewusst abarbeite. Während ich schreibe, beschreibe und analysiere ich. Dann kommen mir kreative Ideen, ich bewerte sie und entscheide schließlich.

Doch selbst, wenn man “nur” aus den Rückkopplungsgedanken fliehen kann, wirkt das unglaublich befreiend.