Naiver Skeuomorphismus

Skeuomorphismus (altgr. σκεῦος „Behälter, Werkzeug“ und μορφή „Gestalt“) ist eine Stilrichtung hauptsächlich im Design, bei der Objekte in ihrer Gestaltung ein anderes Material oder eine Form eines älteren, vertrauten Gegenstandes nachahmen, ohne dass diese durch ihre Funktion begründet ist. (Wikipedia)

Ein Seminar, das typischerweise in stickigen Hotelräumen angeboten wird, findet jetzt in Webinarform statt. Die Slides sind die selben. Die Erklärungen dazu auch. Nur die Teilnehmenden sitzen vor ihren Devices und nicht im selben Raum wie die Referenten. Das ist Skeuomorphismus.

Musiker produzieren in den 80er Jahren elektronische Musik an Synthethizern. Heute nutzen sie DAWs (Digital Audio Workstations). Viele virtuelle Instrumente und Mixer sehen exakt so aus, wie sie früher aussahen. Nur eben digital. Auch das ist Skeuomorphismus.

Früher haben Mitarbeiter in Unternehmen Briefe über die Hauspost verteilt. Heute scannen sie eingehende analoge Rechnungen ein und schicken Sie per E-Mail weiter. Und auch das ist…richtig.

Die ersten E-Magazine von Zeitungen waren PDFs im selben riesigen Format wie die analogen Geschwister. Eine FAZ auf dem Handy lesen? Ein Krampf. Heute sind sie mindestens responsiv. Ebenda.

Intendierter und naiver Skeuomorphismus

In der Musik geht es um Emotionen und Kreativität beim Produzenten. Die skeuomorphen Plugins sollen vermutlich die Gefühle befeuern, sie sollen vertraut wirken und es soll schlichtweg Spaß machen damit zu arbeiten. Das ist intendierter Skeuomorphismus.

Das Webinar, die Rechnung und die Zeitung als PDF sind Beispiele für naiven Skeomorphismus. 2008 habe ich das letzte Mal ein oben beschriebenes E-Paper gelesen. Smartphones waren noch nicht weit verbreitet (Apple stellte das iPhone 2007 vor) und Tablets waren eine Randerscheinung. Die meisten Menschen arbeiteten an einem Desktop-PC mit einem großen Bildschirm. Damals war es für einen Verlag nicht naheliegend, darüber hinaus zu denken. Und wirtschaftlich auch nicht. Heute sind die E-Paper responsive Dateien mit eigener Navigationslogik – und damit nicht mehr skeuomorph. Bei der Zeitung gab es also weder die Technologie noch die Infrastruktur, um die umfassenden Inhalte in ein anderes und passenderes Format zu bringen.

Unternehmen, die ihre Papierrechnungen scannen und per Mail verschicken handeln fahrlässiger. Es gibt Ansätze und Lösungen wie Sand am Meer, um das gesamte System „Workflow“ fundamental anders und mit Faktor 100 schneller und einfacher zu gestalten. Es handelt sich hier um naiven Skeuomorphismus, weil das Wissen fehlt. Genauso wie bei dem Seminar, das jetzt als Webinar angeboten wird.

Der Skeuomorphismus-Falle entgehen

Die Gefahr ist nicht der Skeuomorphismus. Die Gefahr ist, dass wir nicht reflektieren, ob es sinnvoll ist. Skeuomorphe Lösungen sind die naheliegenden und leicht verständlichen Lösungen. Ohne viel technisches Know-How und Erklärungen leuchten sie auch Dritten ein. Der „Zero-Risk-Bias“, „What-You-See-Is-All-There-Is“-Bias (Kahneman) und der Salienz-Effekt lassen diese Lösungen attraktiv erscheinen.

Wann immer es darum geht etwas zu digitalisieren, muss das Ergebnis vorher definiert sein. Erst danach sollte sich das Team um den Weg kümmern. Statt also zu fragen, wie man eine analoge Zeitung digitalisiert, findet man heraus, wie die LeserInnen zeitgemäß ihre Inhalte konsumieren wollen. Und dann geht es in die Lösungsebene. Dass dabei eine skeuomorphe Lösung entsteht ist eher unwahrscheinlich.