Effekte zweiter und n-ter Ordnung

Wir sind sehr gut darin kurzfristige und kausale Folgen zu sehen. Ich trete auf die Bremse, mein Auto bleibt stehen. Wenn mehr Menschen E-Autos fahren wollen, muss das Ladenetz ausgebaut werden. Wenn mehr Menschen ihren eigenen Strom produzieren, braucht es mehr Handwerker, die die Anlagen einrichten.

Effekte zweiter Ordnung (2nd Order effects) beschreiben weitere Folgen, die entstehen, wenn das Urprungsphänomen zu einem Massenphänomen wird. Neben der Natur lassen sich diese Effekte in sozialen Systemen wie der Wirtschaft und Technologie oft beobachten.

Das Bremsbeispiel oben ist dafür kein gutes Beispiel. Die Kombination aus Brems- und Assistenzsystemen, Gurtpflicht, Verkehrsregeln, Promillegrenzen usw. führt z.B. zu weniger Unfällen. Streng genommen handelt es sich bei der geringer werdenden Anzahl von Menschen, die in Folge eines Verkehrsunfalls ins Krankenhaus müssen, um einen Effekt zweiter Ordnung. Das hat jedoch keine grundsätzliche Veränderung zu Folge. Wenn man in Wirtschaft und Technologie von Effekten zweiter Ordnung spricht, geht es meist um etwas Grundsätzliches.

Unsicherheit

Das Framework von Effekten zweiter Ordnung hilft bei der Möglichkeits- und Folgenabschätzung von noch nicht in der Breite existierenden Technologien (technisch oder sozial). Denn dann haben wir es mit Unsicherheit zu tun. Niemand weiß im Vorfeld wie etwas adaptiert wird und wie oder ob das weitere Folgen hat. Dadurch lassen sich Effekte zweiter Ordnung zwar brainstormen. Viel hilfreicher ist jedoch die Erkenntnis, dass es überhaupt dazu kommen kann.

Warum das konkrete Erraten von Effekten zweiter Ordnung so schwierig ist, möchte ich gleich an einem Beispiel zeigen. Zunächst ein paar Sätze zur Wahrnehmungsverzerrung von uns Menschen.

Wir Menschen können nach wie vor Komplexität schlecht schätzen. In die Zukunft geschaut erzählen wir uns Geschichten, die für uns nachvollziehbar machen, dass auf A B folgt und so weiter. In der zeitlichen Abfolge geschehen neben unserer Geschichte aber unendlich viele Dinge, die in irgendeiner Form Einfluss darauf haben. Und entweder kommt es immer noch zum Ergebnis (dann erzählen wir uns, dass wir Recht hatten, weil wir so analytisch gedacht haben) oder eben nicht (dann waren die äußeren Umstände Schuld).

Wir wollen E-Autos haben

Bis Ende 2030 sollen bis zu 15 Millionen E-Autos auf deutschen Straßen unterwegs sein. Eigentlich ganz einfach. Dazu gibt es aktuell immer noch hohe Kaufprämien und die Hersteller innovieren was das Zeug hält. Die aktuell 45000 öffentliche Ladepunkte (davon 6500 Schnelladesäulen) sollen sich vervielfachen. Nehmen wir an, dass das lediglich eine kleine technische Herausforderung ist. Wir können uns vorstellen, dass das Realität wird. Aber.

Parallel steigen in Europa – vor allem in Deutschland – die Energiepreise enorm. Was ist, wenn sie noch höher klettern und man doppelt so viel zahlt, wie für einen mit Benzin gefahrenen Kilometer? Installieren die Menschen dann wo immer möglich Wallboxen und Photovoltaik-Anlagen?

Covid hält sich noch weitere fünf Jahre? Dann sind wirklich alle Wissensarbeitende im Home-Office angekommen und es gibt weniger Bedarf ein eigenes Auto zu besitzen?

Oder positiv gedacht: An jedem großen Ladepark wird es normal, dass es saubere Duschen gibt. Es wird normal, dass man sich bei längeren Ladestopps frisch macht oder ein kurzes Nickerchen macht. Das könnte zu erhöhter Aufmerksamkeit führen und das wieder zu weniger Unfällen. Und damit sind wir wieder am Anfang dieses Artikels angekommen.

Es ist schlicht unmöglich die bedeutsamen Effekte zweiter Ordnung im Vorfeld zu bestimmen. Wie sagt man so schön: Hat das Konzept Walmart die Automobilindustrie befeuert oder umgekehrt? Als Innovator kann man sich lediglich die „Mal angenommen“-Brille aufsetzen. Man katapultiert sich 5 Jahre in die Zukunft, wenn alles so eintritt, wie heute vorausgesagt. Dann fragt man sich, zu welchen neuen Bedürfnissen und Problemen es kommt. Daraufhin kann man ab heute hin arbeiten. Mit großem Optionsraum, um sich entsprechend der Realität anzupassen.